Ich habe Word dabei ertappt, mir etwas Falsches vorzuschlagen.
Nicht einen Tippfehler, nicht eine Stilvariante, sondern eine grammatikalisch falsche Form – ruhig, selbstbewusst, ohne jeden Hinweis auf Unsicherheit. Kein rotes Warnsignal, kein vorsichtiges „Meinten Sie …?“. Einfach ein Vorschlag, der sagte: So ist es richtig.
Es ging um eine feste Wendung: „übel genommen“. Ich wusste, dass sie getrennt geschrieben wird. Nicht, weil ich Germanist bin, sondern weil ich seit Jahrzehnten mit Sprache lebe, schreibe, lese, überarbeite. Word jedoch schlug mir die Zusammenschreibung „übelgenommen“ vor – ohne Einschränkung, ohne Warnung, ohne Kontext.1
Was mich daran irritierte, war nicht der Fehler. Fehler passieren.
Was mich irritierte, war die Selbstverständlichkeit.
Word prüft heute nicht mehr primär im klassischen Sinn regelbasiert, sondern zunehmend nach Wahrscheinlichkeit.2 3 Nicht danach, ob etwas grammatisch korrekt ist, sondern danach, ob es häufig vorkommt, ob es akzeptiert wird, ob es möglichst wenig Widerstand erzeugt. Das Ziel ist nicht mehr Korrektheit, sondern Akzeptanz. Nicht mehr Norm, sondern Ruhe.
Das ist bequem. Und genau darin liegt das Problem.
Denn Wahrscheinlichkeit ist kein Ersatz für Regelwissen. Sie ist ihr Gegenpol. Regeln sind trennscharf. Sie erlauben Abweichung, aber sie markieren sie. Wahrscheinlichkeit dagegen nivelliert. Sie kennt kein richtig oder falsch, nur häufig oder selten. Und was häufig genug falsch ist, hört irgendwann auf, als falsch zu gelten.
In Word gibt es keinen Hinweis darauf. Kein Satz, der sagt: Dieser Vorschlag basiert auf statistischer Häufigkeit, nicht auf Grammatik. Keine Transparenz, keine Kontextualisierung. Für jemanden, der lange mit Textverarbeitungen arbeitet, fällt das auf. Man spürt, dass sich etwas verschoben hat. Aber was ist mit all jenen, die diese Referenz nicht haben?
Wer heute zu schreiben beginnt, wächst mit Werkzeugen auf, die sich als normativ ausgeben, ohne es zu sein. Was nicht markiert wird, gilt als korrekt. Was vorgeschlagen wird, gilt als besser. Die Grenze zwischen Regel und Gewohnheit verschwimmt – und niemand weist darauf hin.
Das ist kein rein linguistisches Problem. Es ist ein gesellschaftliches.
Sprache ist nicht nur Verständigungsmittel. Sie ist ein Denkwerkzeug. Sie schult Unterscheidungen, Präzision, Verantwortung. Wenn Korrektheit durch Akzeptanz ersetzt wird, verliert Sprache ihre Widerständigkeit. Dann geht es nicht mehr darum, wie etwas richtig ist, sondern nur noch darum, ob es durchgeht.
Bildungspolitisch scheint das kaum thematisiert. Medienkompetenz meint Quellenkritik, Datenschutz, Desinformation. Aber kaum jemand spricht darüber, dass Schreibwerkzeuge selbst normativ wirken. Dass sie still und leise Standards verschieben, ohne darüber zu informieren. Dass sie Fehler nicht korrigieren, sondern normalisieren.
Ich habe mit 54 zu schreiben begonnen. Ich bringe eine Haltung mit, die älter ist als diese Systeme. Ich kann mir leisten, Word zu widersprechen. Aber das ist kein Verdienst, sondern ein Zufall der Biografie. Und es macht mir eher Sorgen als Stolz.
Denn wir haben Werkzeuge geschaffen, die Sprache formen, ohne Verantwortung für diese Formung zu übernehmen. Korrektursysteme, die nicht mehr sagen, was stimmt, sondern nur noch, was sich bewährt hat. Und wir nennen das Fortschritt.
Vielleicht ist es an der Zeit, wieder eine einfache Unterscheidung einzufordern. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Pedanterie. Sondern aus Klarheit.
Wahrscheinlichkeit ist kein Ersatz für Regel.
Und Akzeptanz kein Maßstab für Wahrheit.
Fußnoten
- Konkretes, reproduzierbares Beispiel
In aktuellen Versionen von Microsoft Word wird die korrekte getrennte Schreibweise der festen Wendung „etwas übel nehmen“ nicht beanstandet, zugleich jedoch die falsche Zusammenschreibung „übelgenommen“ aktiv als Korrekturvorschlag angeboten.
Dies lässt sich durch Eingabe eines entsprechenden Beispielsatzes (z. B. „Er hat mir das übel genommen.“) in der deutschen Sprachversion von Word reproduzieren.
Die Zusammenschreibung ist gemäß amtlicher Rechtschreibung nicht korrekt. ↩︎ - Technischer Hintergrund
Microsoft dokumentiert, dass die in Word integrierte Grammatik- und Stilprüfung auf machine-learning-basierten Sprachmodellen beruht, die auf großen Textkorpora trainiert werden und sprachliche Konstruktionen probabilistisch bewerten, nicht ausschließlich regelbasiert.
Vgl. u. a.: Microsoft Research Blog, How Microsoft Uses Machine Learning to Improve Grammar Checking (2018). ↩︎ - Fachlicher Kontext
In der computerlinguistischen Forschung gelten rein regelbasierte Grammatikprüfer seit den 2010er-Jahren als nicht mehr skalierbar. Aktuelle Systeme basieren überwiegend auf statistischen und neuronalen Modellen (Grammatical Error Correction).
Vgl.: Ng et al., The CoNLL-2014 Shared Task on Grammatical Error Correction, Proceedings of the Association for Computational Linguistics. ↩︎
Weiterführende Texte:
KI, Kreativität und die Angst vor einer Norm, die nicht existiert
Schreiben als Wahrnehmung