Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Es gibt einen Ton in dem Satz „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“, der mich nicht belehrt, sondern irritiert, weil er aus einer Welt zu sprechen scheint, in der Bindung eine andere Dichte hatte als heute. Für mich trägt er das Wissen einer Zeit, in der Entscheidungen nicht reversibel waren, in der Nähe und Abhängigkeit nicht theoretisch gedacht, sondern körperlich erfahren wurden, und in der man davon ausgehen musste, dass das, was man wählt, nicht nur einen selbst betrifft, sondern ein Gefüge.

Schiller schreibt diesen Satz am Ende des 18. Jahrhunderts, in einer Lebensrealität, die mir historisch fern erscheint und sich mir doch in ihren entscheidenden Strukturen als vertraut zeigt, weil Arbeit, Besitz, Familie und soziale Stellung noch immer eng miteinander verschränkt sind. Ich lese sein „Prüfen“ nicht als Aufforderung zur inneren Selbstbefragung, sondern als Hinweis auf Tragfähigkeit, auf die Frage, ob zwei Menschen gemeinsam das Gewicht eines Lebens tragen können, das wenig Spielraum für Korrekturen lässt.

Wenn ich diesen Satz von dort aus weiter zurückdenke, über die Jahrhunderte hinweg bis vor die Sesshaftigkeit, dann verändert sich seine Bedeutung für mich grundlegend. Ich nehme an, dass Bindung in Jäger- und Sammlergesellschaften real war, aber anders organisiert als in den Formen, die uns heute vertraut sind. Nicht fixiert, nicht exklusiv im modernen Sinn, nicht auf Dauer gestellt, sondern eingebettet in Bewegung, Gruppe und Zeit.

Nähe, Sexualität, Verantwortung und Fürsorge erscheinen mir in diesem Bild nicht konzentriert, sondern verteilt, reguliert durch Ausweichen, durch Übergänge, durch eine soziale Elastizität, die Konflikte eher auffing, als sie zuzuspitzen. Das ist keine historische Gewissheit, sondern eine Annahme, die sich für mich stimmig anfühlt, weil sie erklärt, wie eine Lebensform über hunderttausende von Jahren tragfähig bleiben konnte, angepasst an Gefahr, Verlust, Mangel und Unsicherheit, ohne den Einzelnen dauerhaft zu überfordern.

Ich kann nicht davon ausgehen, dass mich diese Zeit nicht geprägt hat. Mein Körper, meine Wahrnehmung, mein Bedürfnis nach Ausweichen, nach Zeit, nach sozialen Zwischenräumen lassen sich für mich nicht ausschließlich aus der Welt permanenter Verfügbarkeit und Entscheidung erklären. Sie scheinen aus einer viel älteren Logik zu stammen, in der Regulierung implizit war, langsam, eingebettet, und in der nicht alles benannt, geprüft oder entschieden werden musste, um wirksam zu sein.

Mit der neolithischen Revolution, so wie ich sie mir vorstelle, verschiebt sich etwas, das bis heute nachwirkt. Bindung wird konzentriert, Verantwortung verdichtet, Sexualität stärker reguliert, Zugehörigkeit fixiert. Was zuvor von vielen getragen wurde, lastet nun auf wenigen Schultern. Das „Ewig“ im Satz bekommt hier für mich seine Schwere, weil es nicht mehr Bewegung meint, sondern Stillstellung, und weil Scheitern nicht mehr Übergang ist, sondern Bruch.

In der Gegenwart erlebe ich mich in einer Welt, die mir eine Freiheit anbietet, für die mein inneres System nicht gemacht zu sein scheint. Ich darf wählen, vergleichen, abbrechen, neu beginnen, und zugleich soll Bindung mir Sicherheit, Sinn, Identität und Erfüllung bieten, ohne mich festzulegen oder einzuschränken. Das Prüfen ist aus meiner Sicht kein einmaliger Schritt mehr, sondern ein Dauerzustand, der Nähe unter Vorbehalt stellt und Entscheidungen in der Schwebe hält.

Dabei fühlt sich vieles für mich künstlich an. Nicht falsch, aber fremd. Als würde ich in einer Ordnung leben, die auf Annahmen beruht, die meinem eigenen Ursprung widersprechen. Ich spüre eine Nähe zu einer Lebensform, die ich nie gelebt habe, und zugleich eine Distanz zu der Welt, in der ich mich bewege, als wäre ich zeitlich verschoben, nicht ganz angekommen.

Vielleicht erklärt das, warum mich dieser Satz nicht loslässt. Nicht, weil er eine Antwort enthält, sondern weil er für mich eine Spannung offenhält zwischen Herkunft und Gegenwart, zwischen einem Körper, der aus einer sehr langen Geschichte stammt, und einer Welt, die so tut, als ließe sich diese Geschichte hinter sich lassen. Bindung erscheint mir hier nicht als Lösung, sondern als Ort, an dem diese Spannung sichtbar wird. Und ich bleibe darin stehen.

Weiterführende Texte:

Das Missverständnis relationaler Wirkung
Schreiben als Wahrnehmung