Das Tier mit Begründungspflicht

Wenn ich uns Menschen beobachte, sehe ich Tiere, die gelernt haben, Erklärungen für ihre Bewegungen zu finden.

Nicht vorher.

Danach.

Ein Hund jagt seinem Schwanz nach. Ein kleiner Körper dreht sich um sich selbst, verfolgt etwas, das zu ihm gehört, bellt vielleicht, rutscht aus, steht wieder auf und macht weiter. Von außen betrachtet wirkt das sinnlos. Ein geschlossenes System in Bewegung.

Der Hund weiß nichts davon.

Er muss daraus keine Geschichte machen. Er muss sein Verhalten nicht begründen, nicht einordnen, nicht rechtfertigen. Er muss sich nicht fragen, ob diese Bewegung etwas über seinen Charakter aussagt.

Er ist einfach in der Bewegung.

Wir lachen darüber, weil wir von außen sehen, was er nicht sieht. Aber auch wir bewegen uns oft in Kreisen, nur wirken unsere Kreise besser angezogen.

Wir jagen Anerkennung, Sicherheit, Bedeutung, Kontrolle, Eindeutigkeit, Nähe, Rückzug, Fortschritt, Erkenntnis. Wir laufen oft genug ebenfalls im Kreis, nur laufen wir innerlich mit. Wir reagieren auf Reize, auf Angst, auf Kränkung, auf Hoffnung, auf das Gefühl, gesehen oder nicht gesehen zu werden. Unser Körper ist schneller als unsere Begründung.

Danach erzählen wir.

Wir sagen nicht: Ich bin losgerannt.

Wir sagen: Aus Gründen.

Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht gibt es immer Gründe. Aber Gründe sind nicht immer der Ursprung einer Bewegung. Oft sind sie die Form, in der eine Bewegung nachträglich bewohnbar wird.

Bewusstsein erlöst nicht vom Instinkt. Es macht ihn nur erklärungsbedürftig.

Das ist keine Abwertung des Menschen. Es ist eher eine Zumutung an unser Selbstbild. Wir stellen uns gern vor, Erkenntnis würde uns aus dem Tierischen herausheben. Als wären wir weniger Körper, weniger Reiz, weniger Bedürfnis, sobald wir darüber sprechen können.

Aber der Körper bleibt.

Die Angst auch. Die Bindung. Der Fluchtimpuls. Und das Bedürfnis, aus all dem nachträglich eine Geschichte zu machen.

Erkenntnis nimmt das nicht weg. Sie legt sich darüber.

Angst bleibt dann nicht einfach Angst. Sie wird geprüft, begründet, verdächtigt. Bedürftigkeit wird zur Sorge, zu viel zu sein. Rückzug muss erklärt, verteidigt oder bereut werden.

Ein Tier erschrickt und rennt.

Der Mensch erschrickt, rennt los und fragt sich währenddessen, ob diese Reaktion angemessen, kindisch, traumabedingt, notwendig, übertrieben, verständlich oder peinlich ist.

Das macht uns nicht freier. Es macht uns komplexer. Erkenntnis beendet nicht die Kreisbewegung, sie macht sie sichtbar.

Das klingt nach Gewinn. Manchmal ist es einer. Wer ein Muster erkennt, kann vielleicht einen Moment früher stehen bleiben.

Aber Erkenntnis ist keine Tür aus dem Gehege. Sie ist eher ein Licht, das im Gehege angeht.

Wir sehen mehr.

Wir sind aber immer noch darin. Es wird nur schwerer, so zu tun, als wären wir es nicht.

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