Der Schwarze Peter der globalen Marktwirtschaft

Anfang August 2026 wollten Japan und die USA gemeinsam den fallenden Yen stützen. Üblicherweise hätten die USA dafür Dollar verkauft. Stattdessen verkauften sie Euro, ohne die Europäische Zentralbank vorher zu informieren. Der Dollar sollte stark bleiben. Gleichzeitig sollte Japan offenbar nicht gezwungen sein, größere Bestände amerikanischer Staatsanleihen zu verkaufen, weil gerade deren Verkauf den amerikanischen Anleihemarkt belasten könnte. Wenige Tage später war ein erheblicher Teil der Yen-Aufwertung bereits wieder verloren.

Der Yen musste also gestützt werden, ohne den Dollar zu schwächen und ohne amerikanische Staatsanleihen zu gefährden. Dafür durfte der Euro ein wenig nachgeben. So beschrieb es ein ORF-Wirtschaftsartikel vom 7. August 2026.

Das erinnert unangenehm an ein Kartenspiel.

Beim Schwarzen Peter gibt es eine schlechte Karte. Sie wird weitergereicht, bis jemand auf ihr sitzen bleibt. Vor allem aber weiß jeder, welche Karte der Schwarze Peter ist.

In der globalen Marktwirtschaft ist diese Unterscheidung schwieriger.

Japan ist hoch verschuldet, besitzt aber zugleich enormes Vermögen im Ausland. Das beruhigt. Den Schulden stehen Fabriken, Beteiligungen, Anleihen und andere Ansprüche gegenüber. Nur ist eine Fabrik im Ausland kein Geldspeicher, den man im Krisenfall öffnet. Sie kann materiell existieren und bilanziell einem japanischen Unternehmen gehören, ohne wirtschaftlich verfügbar zu sein.

Besitz ist nicht dasselbe wie Zugriff.

Noch merkwürdiger wird es, wenn eine Absicherung gerade dadurch gefährdet wird, dass man sie benutzt. Japan sollte offenbar nicht gezwungen sein, größere Bestände amerikanischer Staatsanleihen zu verkaufen.

Das Problem lässt sich nicht auf Japan begrenzen. Ein großer Teil des globalen Finanzvermögens besteht aus Ansprüchen der Spieler gegeneinander. Wer die Karten der anderen entwertet, muss damit rechnen, dass auch die eigenen neu bewertet werden.

Gerade weil alle voneinander abhängen, haben alle ein Interesse daran, dass möglichst wenige Karten gleichzeitig aufgedeckt werden.

Eine kleine Krise wird deshalb abgefedert. Zentralbanken intervenieren, Staaten garantieren, Bewertungen werden angepasst. Ein Problem, das eben noch gefährlich wirkte, wird wieder beherrschbar.

Die Karte wird umgedreht und zurück ins Spiel gelegt.

Bewiesen ist damit vor allem, dass das Spiel weitergeht.

In der Yen-Krise wurde für einen Moment sichtbar, wie viele Karten unangetastet bleiben mussten, damit eine einzige stabilisiert werden konnte.

Vielleicht liegt der Schwarze Peter deshalb gar nicht irgendwo versteckt im System.

Vielleicht kann jede Karte dazu werden.

Selbst erschöpfte Spieler können nicht einfach aufhören. Wer als Erster seine Karten auf den Tisch legt, zwingt die anderen, ihre eigenen neu zu betrachten. Vertrauen muss dann nicht mehr bedeuten, von ihrer Stabilität überzeugt zu sein. Es genügt, darauf zu vertrauen, dass die anderen noch eine Runde bleiben.

Die Yen-Krise hat für einen Moment eine Karte umgedreht, die eben noch als Absicherung galt.

Vielleicht besteht die größte Leistung der globalen Marktwirtschaft darin, die Frage zu vermeiden, welche Karten überhaupt noch regulär sind – indem sie verhindert, dass zu viele gleichzeitig umgedreht werden.