Die Zombietaube als Spiegel der Angst vor uns selbst

Ein literaturphilosophischer Essay über Körper, Hunger und Schutzverlust

Günter Schadens kurzer Prosatext „Nur eine leichte Vogelgrippe“, erschienen in Ein bisschen daneben ist auch ein Ort, setzt mit einer Irritation ein, die sich zunächst scheinbar über ihren Gegenstand entschärfen ließe. Eine Zombietaube namens Trude sitzt auf dem Sims einer Mansardenwohnung gegenüber dem Stephansdom und krächzt: „Guruu, Gehirn, Guruu!“ Schon diese lautliche Setzung könnte als komischer Effekt gelesen werden. Sie ruft die Konvention des Zombiegenres auf, verkleinert sie zugleich durch die Gestalt der Taube und verschiebt sie in einen urbanen Alltagsraum.

Doch diese Lesart greift zu kurz. Der Text ist nicht dadurch interessant, dass er einen absurden Einfall variiert, sondern dadurch, dass er die Absurdität als Störung der Kategorien organisiert. Die Zombietaube ist keine Pointe. Sie ist eine Grenzfigur.

Bereits der Titel „Nur eine leichte Vogelgrippe“ arbeitet mit Verharmlosung. Das Adverb „nur“ reduziert die Bedrohung, bevor sie überhaupt sichtbar wird. Die „leichte Vogelgrippe“ klingt nach Diagnose, nach Einordnung, nach medizinischer Beruhigung. Im Text selbst ist diese Beruhigung bereits widerlegt: „‚Nur eine leichte Vogelgrippe‘, hatten sie gegurrt.“ Was als harmlose Krankheit benannt wurde, erscheint nachträglich als Fehldeutung. Aus der Taube ist eine Zombietaube geworden. Aus Krankheit ist ein Zustand hervorgegangen, der weder Leben noch Tod stabil zugeordnet werden kann.

Diese Instabilität konzentriert sich im Hunger.

Trude sitzt „gehirnhungrig“ auf dem Sims. Sie schärft ihren Schnabel „an den bereits glattpolierten Stäben des Dornengitters“. Der Hunger ist nicht bloß ein Motiv des Zombiegenres, sondern eine begriffliche Zumutung. Ein totes Wesen hat keinen Hunger. Ein bloßer Kadaver begehrt nichts. Hunger setzt Bedürftigkeit voraus, Richtung, Mangel, Weltbezug. In Trudes Fall ist dieser Hunger grotesk spezialisiert: Er richtet sich auf das menschliche Gehirn. Doch gerade diese groteske Spezialisierung verdeckt nicht die philosophische Struktur des Vorgangs. Der Körper will weiter. Er verlangt. Er ist nicht erledigt.

Der Zombie erscheint damit als Figur des nicht erledigten Körpers. Er ist nicht einfach Wiederkehr des Toten, sondern die Widerlegung eines beruhigenden Todesbegriffs. Der Tod müsste Abschluss sein, Stillstellung, Entzug aus der Bedürftigkeit. Trude aber bleibt bedürftig. Ihr Körper verfällt, doch er handelt weiter. Der „schwarze, matte Schimmel“ auf ihrem ehemals „strahlend blau-grauen Gefieder“ verweist auf Verfall, während ihre Konzentration, ihre Vorbereitung und ihre Jagdabsicht auf Aktivität verweisen. Der Text hält diese Ebenen nicht auseinander. Er zwingt sie in dieselbe Figur.

Darin liegt das Unbehagen.

Mit Julia Kristeva ließe sich Trude als abjekte Figur lesen: als Körper, der nicht dort bleibt, wo ein Körper bleiben soll. Sie ist nicht einfach ekelhaft, weil sie verfällt. Sie ist beunruhigend, weil ihr Verfall nicht mit Abwesenheit zusammenfällt. Das Tote bleibt bedürftig. Das, was ausgeschieden oder für erledigt erklärt werden müsste, sitzt auf dem Sims und wetzt den Schnabel.

Trude ist verfallen, aber nicht abwesend. Sie ist monströs, aber nicht bloß mechanisch. Sie fixiert mit einem „milchigen Auge“ die Menschen unter ihr, während das andere Auge, bereits aus dem Sockel hängend, die Schärfe des Schnabels einzuschätzen versucht. Diese Körperbeschreibung ist nicht nur Ekelbild. Sie destabilisiert die Grenze zwischen beschädigtem Objekt und wahrnehmendem Subjekt. Der Körper ist teilweise zerfallen, aber die Wahrnehmung bleibt funktional. Das Auge hängt aus dem Sockel, aber es sieht noch. Oder genauer: Es ist noch in eine Handlung eingebunden.

Das ist entscheidend. Denn moralische Schutzwürdigkeit hängt häufig an der Zuschreibung von Innenleben. Solange Trude nur als Zombietaube erscheint, kann sie aus dem Schutzbereich fallen. Sie ist Tier, sie ist tot, sie ist Monster. Jede dieser Kategorien reduziert Anspruch. Zusammengenommen bilden sie eine nahezu perfekte Entlastungsstruktur: Was Trude geschieht, muss nicht zählen.

Mit Mary Douglas lässt sich diese Störung als Ordnungsproblem lesen. Trude ist nicht nur gefährlich, weil sie angreifen will. Sie ist gefährlich, weil sie nicht dort bleibt, wo die Ordnung sie erwartet. Als Taube wäre sie niedrig, gewöhnlich, störend, aber harmlos. Als Tote wäre sie erledigt. Als Monster wäre sie leichter auszusondern. Trude ist alles zugleich. Leben im Tod. Bedürfnis im Kadaver. Ein Blick aus einem Körper, der eigentlich nicht mehr blicken sollte.

Der Text unterläuft damit die Entlastung, die seine Kategorien zunächst anbieten.

Trude erinnert sich. Ein „letzter Rest einer Erinnerung“ an das „immer schon seltsame Verhalten der Menschen“ lässt sie an ihrer Strategie zweifeln. Diese Passage ist zentral, weil sie der Figur mehr zuschreibt als bloßen Instinkt. Erinnerung ist kein Reflex. Zweifel ist keine reine Körperfunktion. Trude mag beschädigt, hungrig und gefährlich sein, aber sie ist nicht leer. Der Text gibt ihr kein ausgearbeitetes psychologisches Profil; gerade dadurch bleibt die Zuschreibung minimal und beunruhigend. Es genügt, dass überhaupt ein Innenraum angedeutet wird.

Noch stärker wird diese Störung in der Formulierung: „Tot oder lebendig – kaum ein Unterschied.“ Der Satz kann zunächst auf die Menschen bezogen werden, deren Verhalten Trude nicht versteht. Doch er beschreibt zugleich die Zone, in der Trude selbst existiert. Tot oder lebendig: Die Unterscheidung, auf der Schutz, Trauer, Gefahr und Entsorgung beruhen, verliert ihre beruhigende Kraft. Wenn kaum ein Unterschied besteht, ist nicht alles egal. Im Gegenteil: Dann wird jede Entscheidung darüber, was zählt und was nicht zählt, prekär.

Hier berührt der Text jene Logik, die Jeffrey Jerome Cohen für das Monster beschreibt: Das Monster erscheint an den Stellen, an denen eine Ordnung ihre Grenzen sichern muss. Trude ist in diesem Sinn nicht monströs, weil sie groß oder überwältigend wäre. Sie ist monströs, weil sie zu klein für das große Grauen und zugleich zu beunruhigend für die bloße Pointe ist. An ihr zeigt sich, dass die vorhandenen Begriffe nicht ausreichen.

Das Gefressenwerden am Ende verschärft diese Prekarität.

Trude ist so auf ihre Beute konzentriert, dass sie den Luftzug nicht wahrnimmt. Ihr letzter Gedanke bricht ab: „Guruu, Gehiiii…“ Danach landet ihr eigenes Gehirn „am Spieß“. Nils, der Zombiehamster, saugt es „genüsslich“ durch seine „Nosferatu-Zähne“ auf und piepst: „Fiep, Taubengehirn, fiep!“ Formal wiederholt der Text die Logik des Hungers: Die Jägerin wird Beute, das Gehirnbegehren kehrt sich gegen sie. Doch diese Umkehrung ist nicht bloß kompositorische Pointe. Sie stellt rückwirkend die Frage, was vernichtet wurde.

Wäre Trude tatsächlich vollständig tot gewesen, wäre ihr Gefressenwerden bedeutungslos. Dann wäre nur tote Materie in andere tote Materie übergegangen. Dann hätte der letzte Gedanke kein Gewicht. Der Text insistiert jedoch auf einer Wahrnehmung unmittelbar vor der Vernichtung. Das abgebrochene „Gehiiii…“ ist nicht nur Laut, sondern letzte gerichtete Bewegung eines Bewusstseinsrestes. Gerade der Abbruch macht sichtbar, dass etwas abbrechen konnte.

Stirbt Trude also?

Die Antwort ist nicht eindeutig. Sie stirbt nicht im einfachen Sinn, weil sie bereits als Zombietaube eingeführt wird. Aber ihr Ende wäre nicht erzählbar, wenn sie nur tot wäre. Ihr Gefressenwerden zeigt nicht, dass sie lebt wie ein unbeschädigtes Wesen. Es zeigt, dass sie vorher nicht vollständig tot gewesen sein kann. Die Szene erzeugt ihr Grauen aus dieser Zwischenstellung: Trude ist lebendig genug, um Hunger, Richtung und vielleicht Leid zu haben; sie ist tot genug, um nicht geschützt zu sein.

Diese Unruhe wird durch die Tierfolge Taube – Hamster – Schlange verdichtet. Entscheidend ist nicht eine symbolische Auflösung der einzelnen Tiere, sondern ihre Stellung in der menschlichen Wahrnehmungsordnung. Die Taube ist nah, gewöhnlich, unerwünscht: als „Ratte der Lüfte“ ein Tier der städtischen Abwertung, lästig und schmutzig, aber im Normalfall harmlos. Zugleich trägt sie eine ältere Märchenspur in sich. In Märchen erscheint die Taube häufig als helfendes, reines oder ordnendes Wesen; besonders in „Aschenputtel“ hilft sie beim Auslesen und macht Täuschung sichtbar. Trude beschädigt auch diese Spur. Als Zombietaube ist sie nicht mehr Helferin, nicht mehr Botin, nicht mehr Zeichen stiller Ordnung. Sie ist hungrig.

Der Hamster gehört noch stärker zur Ordnung des Kleinen und Kontrollierbaren. Er ist Haustier, Besitzwesen, verwaltete Bedürftigkeit. Auch er trägt keine natürliche Erhabenheit, keine klassische Raubtierwürde, keine mythische Bedrohung. Gerade deshalb ist seine Verschiebung so wirksam. Nils ist dabei kein eindeutiger Verweis, sondern eine irritierende Kopplung. Der Name ruft eine diffuse Kinderbuch- und Verwandlungsnähe auf, während der Hamster zur Ordnung des Kleinen, Häuslichen und Kontrollierbaren gehört. Gerade dass diese Verbindung nicht sauber aufgeht, ist produktiv. Der Text arbeitet nicht mit korrekten Schlüsseln, sondern mit aufgeladenen Fehlspannungen.

Trude und Nils werden nicht gefährlich, weil sie groß oder symbolisch mächtig wären, sondern weil sie Bedürfnisse haben.

Kaa dagegen ist als Schlange bereits unmittelbarer mit Gefahr, Umschlingung und Fressen verbunden. Doch der Schluss stellt diese Differenz nicht einfach wieder her. Er nivelliert sie. Taube, Hamster und Schlange stehen am Ende in derselben Ordnung: Körper, die brauchen, fressen, verfallen und gefressen werden können. Harmlosigkeit schützt nicht vor Hunger. Kleinheit schützt nicht vor Gewalt. Symbolische Reinheit schützt nicht vor Verfall. Gefährlichkeit schützt nicht vor eigener Gefährdung.

Der Text endet deshalb nicht bei Trudes Vernichtung. Er gönnt auch Nils keinen sicheren Triumph. „Ein guter Abend für Nils.“ Der Satz klingt zunächst wie eine abschließende Bilanz. Für einen Moment scheint die Ordnung wiederhergestellt: Ein Hunger wurde gestillt, ein Raub erfolgreich abgeschlossen, ein Wesen hat sich auf Kosten eines anderen erhalten. Aber diese Beruhigung hält nur einen Satz lang.

Dann folgt: „Und dann ausgerechnet Kaa.“

Mit diesem letzten Satz öffnet sich die Bedürfnisstruktur erneut. Nils, der eben noch Täter war, wird im selben Augenblick potentiell selbst zur Beute. Der Text verweigert damit jede stabile Position innerhalb der Nahrungskette. Es gibt keinen endgültigen Sieger, keinen sicheren Körper, keinen Ort außerhalb des Hungers. Jeder erfüllte Hunger erzeugt nur die nächste Gefährdung. Jede Sättigung ist provisorisch. Jede Beute kann im nächsten Moment selbst von einem anderen Begehren erfasst werden.

Auch die Position des Menschen bleibt davon nicht unberührt. Zwar erscheinen die Menschen zunächst als jene Wesen, auf deren Gehirn Trudes Hunger gerichtet ist; zugleich stehen sie scheinbar außerhalb der tierischen Bedürfnisordnung, als Beobachtete, Bewertende, kulturell und moralisch Überlegene. Doch gerade diese Überlegenheit wird prekär. Trudes Blick auf die Menschen unter ihr, die „scheinbar fröhlich“ über den Stephansplatz torkeln, entzieht ihnen die souveräne Sonderstellung. Aus Trudes Perspektive sind sie nicht Krone der Schöpfung, sondern mögliche Beute. Ihre Gehirne sind nicht Sitz unantastbarer Vernunft, sondern Nahrung.

An dieser Stelle berührt der Text Derridas Infragestellung der stabilen Grenze zwischen Mensch und Tier. Der Mensch ist nicht mehr nur derjenige, der das Tier betrachtet, benennt und einordnet. Er wird selbst betrachtet. Mehr noch: Er wird als Körper erfasst. Trudes Hunger verschiebt ihn aus der sicheren Position des deutenden Subjekts in die Nähe möglicher Nahrung.

Damit wird die Nahrungskette nicht nur nach unten geöffnet, sondern nach oben destabilisiert. Der Mensch steht nicht sicher an ihrer Spitze. Er steht dort nur, solange kein anderer Hunger ihn anders einordnet. Die Kategorie „Mensch“ schützt nicht absolut vor Körperlichkeit. Auch der Mensch ist Fleisch, Gehirn, verwundbarer Organismus. Die Angst vor der Zombietaube ist deshalb auch die Angst davor, selbst aus der moralischen Ordnung herauszufallen und in eine bloß körperliche Ordnung zurückgestoßen zu werden: nicht mehr Subjekt, sondern Beute.

Hier öffnet sich die philosophische Dimension des Textes.

Die Angst gilt nicht der Zombietaube allein. Sie gilt der Möglichkeit, dass unsere Kategorien moralisch wirksam werden, bevor sie gesichert sind. „Tot“, „Tier“, „Monster“, „nicht mehr richtig lebendig“: Solche Begriffe beschreiben nicht nur. Sie ordnen Schutz zu oder entziehen ihn. Sie können ein Wesen aus dem Bereich der Rücksicht entfernen, obwohl seine Erfahrungsfähigkeit nicht geklärt ist. Das Grauen liegt nicht darin, dass Trude Menschen fressen will. Es liegt darin, dass Trude selbst gefressen werden kann, ohne dass ihre Vernichtung eindeutig als Verlust erscheint.

Damit wird die Zombietaube zum Spiegel menschlicher Selbstangst. Der Mensch fürchtet am Zombie nicht nur die Attacke des Anderen. Er fürchtet den eigenen Körper, sobald dieser nicht mehr von Würde, Kontrolle und sozialer Lesbarkeit stabilisiert wird. Hunger, Verfall, Bedürftigkeit und Kontrollverlust sind keine fremden Zustände. Sie gehören zum Leben. Der Zombie radikalisiert sie nur. Er zeigt den Körper ohne die beruhigende Erzählung souveräner Subjektivität.

Trude ist deshalb eine kleine, aber präzise Figur des existenziellen Unbehagens. Ihr Körper zerfällt, aber er verlangt. Ihre Augen sind beschädigt, aber sie orientieren sich. Ihr Gehirn ist begehrt, aber es denkt noch. Sie steht an jener Grenze, an der der Mensch entscheiden möchte, dass etwas nicht mehr zählt, weil es nicht mehr richtig lebt.

Doch der Text verweigert diese Entscheidung.

Er beginnt mit einem scheinbar absurden Bild und führt es nicht in Komik, sondern in kategoriales Grauen. Die Zombietaube ist nicht lächerlich, weil sie unmöglich ist. Sie ist beunruhigend, weil sie eine Möglichkeit sichtbar macht, die unsere Begriffe nicht aushalten: ein Wesen, das nicht mehr ganz lebt und dennoch nicht bedeutungslos ist.

Am Ende bleibt nicht das Bild einer komischen Kreatur.

Es bleibt auch nicht die Sicherheit, dass das Monster vernichtet wurde.

Es bleibt eine offene Kette aus Hunger, Körpern und Schutzlosigkeit. Ein Wesen frisst, weil es bedürftig ist. Ein anderes wird gefressen, obwohl es vielleicht noch erfährt. Hinter dem scheinbaren Ende wartet bereits der nächste Hunger.

Diese Kette betrifft den Menschen nicht von außen. Wer glaubt, Tiere, Monster und Untote nur einordnen zu können, wird selbst eingeordnet: als Körper unter Körpern, als Bedürftiger unter Bedürftigen, als mögliches Ziel eines Hungers, der keine Rücksicht auf symbolische Rangordnungen nimmt.

Es gibt keinen sicheren Außenpunkt. Kein Ort erlaubt endgültig zu sagen: Dort endet das Monströse, dort beginnt das Schutzwürdige. Es gibt Körper, die brauchen. Körper, die verfallen. Körper, die andere Körper bedrohen.

Und Begriffe, die immer zu spät kommen.